Hamburger Abendblatt

Isolation in Velocity - Signale in der Cybernacht Schwer zu sagen, wer hinter diesem Kunstwerk steckt. Es scheint keinen Autor zu geben, nur eine Adresse. Es ist ein Automat, man kann ihn einschalten, dann besucht er eine Zeitlang den Computer und verschwindet wieder. Es ist ein bißchen unheimlich, weil es so ganz anders ist, als die bunten Bilder, die sonst im World Wide Web herumgeistern. Der Automat auf dem Server schickt nur weiße Zeichen auf schwarzem Hintergrund, eines nach dem anderen, Farben will er dem Netz nicht zumuten. Das Zeichen baut sich auf, ziemlich langsam, bleibt einen Augenblick stehen und verlöscht dann, um dem nächsten Zeichen Platz zu machen. Nach einer Weile ist gut zu verstehen, was der Automat sagen will. Seine Signale sind Verkehrszeichen, Markierungen von Straßenrändern, reflektierende Leitplanken. Ab und zu geraten die Tags eines Graffiti-Malers dazwischen, aber auch sie haben jetzt alle Farbe verloren. Die Spuren auf der Mauer sind ein weißes Nachtgespenst. Kein Mensch ist zu sehen, aber der Automat scheint dennoch diesen übermüdeten Blick von Menschen zu kennen, die durch die Nacht fahren müssen. Es gibt nichts zu sehen, wenigstens nichts, was sich zu betrachten lohnt. Wichtig sind nur die Wegmarken, man sieht sie am Rande, nur aus den Augenwinkeln und halbbewußt, aber man weiß, daß sie da sind und richtet sich danach. Sie huschen vorbei, eines nach dem anderen, genau so, wie sie der namenlose Automat zeigt. Irgend jemand hat ihn programmiert, der sich selbst nicht allzu wichtig nimmt. Er ist ein großer Künstler und hat deshalb alles weggelassen, was nur ablenkt von seiner Mitteilung. Übrig geblieben ist eine Maschine, die ganz alleine durch die Nacht der Daten surft.